Ausstellung Velbert

Artikel WAZ zur Vernissage in der Galerie #23

Die „Galerie#23“ ist noch recht neu im Ort. Malerei, Fotografie und Skulpturen sollen Besucher an die Frohnstraße 3 locken. Schon die erste Ausstellung in dem alten Backsteinbau von 1900, zeigt, dass die dort geschaffenen 120 Quadratmeter Ausstellungsfläche lohnen, erkundet zu werden.

Die Ratinger Künstlerin Hajnalka Peterfy zeigt aktuell einen Teil ihrer Werke. Die Tochter ungarischer Eltern, 1959 in Innsbruck geboren, hat sich im Raum Düsseldorf schon einen Namen gemacht. „Die Arbeiten sind größtenteils gegenständlich und werden sich dem Betrachter mit ihrer zumeist gesellschaftskritischen Aussage erschließen“, ist die Künstlerin überzeugt.

In der Tat zeigt Peterfy eine ausdrucksstarke Kriegsserie in einer Maltechnik, die an Camouflage erinnert, aber keine Tarnung sein will. Ein weiteres Thema, mit dem sie sich auseinandersetzt, ist die Vergänglichkeit, die ihren eigenen Charakter habe, „philosophisch gesehen, aber auch in seiner visuellen Repräsentanz. Im Blickwinkel der Metamorphose hat die Vergänglichkeit ihren eigenen Reiz“, sagt sie im WAZ-Gespräch. Die mit kräftigen Farben inszenierten Bilder zeigen in ihrem motivisch rhythmischen Rapport silhouettenartig sich immer wieder überlappende Menschenfiguren. Dem schönen Schein darf nicht getraut werden, denn sie stehen in direkter Reaktion auf den Afghanistankrieg und zeigen dies auch. „Das Sichtbarmachen von tiefem Leid und Unfassbarkeit haben mich getrieben“, erklärt Peterfy. Sie zeigt auf gebeugte Frauenfiguren. Sie trauern um die niedergestreckt am Boden Liegenden. Ihre verlorenen Söhne.

Die Abwrackprämie, der Umgang der Konsumgesellschaft mit wertvollen Ressourcen haben die Malerin zu fotorealistischen Gemälden vom Schrottplatz inspiriert. Sie tragen Titel wie „Vermächtnis“, „Ein letzter Blick“ auf einen Trabbi und „Angela“ (Merkel).

Die Skulpturen hingegen thematisieren den Menschen und die Ursprünge menschlichen Lebens wie beispielsweise „Adam und Eva“ – symbolisiert als Wurzel, aus der ein Apfelbaum emporwächst. Peterfy schöpft aus einem Fundus unterschiedlicher Holzarten – Akazie, Eiche, Walnuss – und nutzt deren Eigenschaften. Denn jedes Holz habe für sie eine individuelle Struktur und Sprache.

Wegen der starken Nachfrage vom ersten Tag an, wird die Ausstellung noch bis zum 23. Juli in Langenberg zu sehen sein.

Finissage zur Ausstellung: Hajnalka Peterfy Malerei und Skulptur in der galerie #23

Im Nachgang

Wir leben in einer Welt voller Bilder.

Das war schon immer so.Doch während in früheren Zeiten Kunst immer auch für etwas anderes stand, für den Glauben oder für das Gute, Schöne und Wahre, so tritt an diese Stelle des Für-etwas-anderes-Stehen heute das Subjekt, also wir selbst.

Unser heutiges Verhältnis zur Kunst, oft so selbstverständlich wie oberflächlich, ist meistens ein anderes! Es lässt sich mit drei einfachen Sätzen ausdrücken:

„Sagt mir was!“,

„Sagt mir nix!“ oder

„Sagt mir nicht so viel.“

Siehe: Robert Gernhardt: Was das Gedicht alles kann: Alles. Texte zur Poetik, Frankfurt/M., 2010, 98

Das ‚Mir‘ soll diesen Befund als besonders persönlich charakterisieren. Es ist nicht immer klar, ob als Entschuldigung oder als Eigenlob. Und dabei ist es so einfach, solche Bewertungen als Projektion unserer Befindlichkeit zu erkennen. Und deshalb verrät jedes dieser drei Bekenntnisse in der Regel mehr über uns, ja über unsere innerlich weit verbreitete Armut, als über das vermeintliche Kunstwerk.

Aber allen Anwesenden, die schon einen Blick auf die Ausstellungsstücke geworfen haben ist auch klar, dass diese Art der Begegnung mit Kunst für Hajnalka Peterfys Bilder nicht zutrifft!

Warum?!

Nun, das hat verschiedene Gründe.

Einer ist beispielsweise die Schematik der Kriegsbilder. Sie bleibt einerseits streng zweidimensional also flächig, oberflächlich. Gleichzeitig überlappen sich die Schemata, erzeugen so zum Trotz eine Tiefe. Und schließlich füllen sie das komplette Bild. Schaffen einen Eindruck von Allgegenwärtigkeit und Unausweichlichkeit, dem Menschen schon immer fasziniert gegenüber standen.

Ein anderer Grund ist der dingliche Detailreichtum. Die Bilder mit abgestellten, stehen gelassenen und verrottenden Verkehrsmitteln. Ihre Bewegung führt sie nunmehr a) durch die Zeit und ist b) eine solche des Beharrens; wohlgemerkt!

Doch der eigentliche, der tiefere Grund, warum die Begegnung mit Hajnalka Peterfys Bildern nicht in das beschriebene Muster des: „Sagt mir was, sagt mir nix oder sagt mir eben nicht so viel“ passen, ist der:

Hajnalka Peterfys Bilder sprechen aus sich heraus. Das zeigt sich einerseits in der Wahl der Sujets. Es zeigt sich aber auch in der Klarheit ihrer Darstellung.

Ihren Bildern gelingt eine Ansprache, die nicht alles, nix oder nur nicht so viel sagt. Wir spüren die Faszination dieser Form von Ansprache. Wir spüren dabei Räume, die sich gleichermaßen der Selbsterfahrung öffnen wie dem Fremden, ja, dem Befremdlichen.

Und wir spüren gerade deshalb, hier, im Gegenüber zu dieser Kunst, die Aufforderung zum Eingedenken. Zum Eingedenken, das uns Freiheit und Verantwortung als begleitendes Zwillingspaar unserer menschlichen Existenz abfordern.

Lassen Sie sich in diesem Sinne heute noch einmal von den ausgestellten Bildern und Skulpturen ansprechen.

Der Kunst Raum zu schaffen ist eine Aufgabe, der sich sowohl Hajnalka Peterfy als auch Doris Stevermüer stellen. Die eine mit ihren Bildern, die andere mit ihrer Galerie #23. Doch das bedeutet, dass diese Ausstellung auch ein Ende haben muss; und das ist heute.

Doch der eigentliche, der tiefere Grund, warum die Begegnung mit Hajnalka Peterfys Bildern nicht in das beschriebene Muster des: „Sagt mir was, sagt mir nix oder sagt mir eben nicht so viel“ passen, ist der:

Hajnalka Peterfys Bilder sprechen aus sich heraus. Das zeigt sich einerseits in der Wahl der Sujets. Es zeigt sich aber auch in der Klarheit ihrer Darstellung.

Ihren Bildern gelingt eine Ansprache, die nicht alles, nix oder nur nicht so viel sagt. Wir spüren die Faszination dieser Form von Ansprache. Wir spüren dabei Räume, die sich gleichermaßen der Selbsterfahrung öffnen wie dem Fremden, ja, dem Befremdlichen.

Und wir spüren gerade deshalb, hier, im Gegenüber zu dieser Kunst, die Aufforderung zum Eingedenken. Zum Eingedenken, das uns Freiheit und Verantwortung als begleitendes Zwillingspaar unserer menschlichen Existenz abfordern.

Transzendenz im Konkreten

Transzendenz im Konkreten

K unstwerke werden häufig  als spezifischer Weltzugang konzipiert. Hajnalka Peterfy konzipiert viele ihrer Werke gleichzeitig als Ausgang und damit eben auch als Eingang zu anderen Welten, das hebt Sie heraus. Was in manchen Bildern auf den ersten Blick wie eine Fehlstelle wirkt, stellt sich eingehenderer Betrachtung als Additum dar. Denn was ist die Welt? Ein Wirklichkeitsraum des Möglichen, aber auch ein Möglichkeitsraum des Wirklichen.

Ein Beispiel aus Hajnalka Peterfys Kunst? Schauen sie sich die Bilder aus Galerie 3 an; konzentrierte Symbolik, von der verwendeten Schematik in bloß zwei Dimensionen gepresst, in Camouflage-Manier versuchend sich zu tarnen, dennoch und deshalb ganz deutlich zeigend, Oberflächen können tief verwunden. Es braucht etwas, um dies emotional und gedanklich zu verarbeiten, zumal solche Muster dadurch ja nicht aus unserer Welt verschwinden.

D och ein Beispiel macht noch keine Regel. Wirkliche Kunst muss der Künstlerin eigen, dem Kunstwerk nur mittelbar. Das zeigt sich, wenn sich Hajnalka Peterfy anderen Sujets, anderen Maltechniken zuwendet wie in Galerie 1.
Was passiert, wenn Flächen in einem Bild frei bleiben? Der Gesamteindruck ändert sich sofort. Bilder müssen sich an solchen Stellen öffnen, sonst werden sie dort offen gerissen. Wir wissen, bei gemalten Bildern käme der Bildträger, ein Medium zum Vorschein: Leinwand, Holz, Karton oder was auch immer. Diese Option wählt Hajnalka Peterfy nicht, sie hellt diese Stellen farblich auf, etwas umsinnierend formuliert, hält sie diese Stellen damit farblich offen. Genau so schaffen diese Stellen einen Dreiklang über die Wahl des Sujets, deren Settings und die öffnenden ‚Freiflächen‘. Die Kompositionen dieser Bilder setzen Dauer, Zeitläufigkeit und Offenheit zueinander in vielfache Verhältnisse. Wir müssen nur achtsam genug hinschauen statt gewohnheitsmäßig ausblenden.

Von Hajnalka Peterfys können wir also einiges verlangen, nur keine langweilige Kunst. Immer gibt es Spannungs-bögen die wahrzunehmen und auszuhalten einerseits Sensibilität, andererseits gewisse Reife oder Stärke erfordern.  Das filigrane Gerüst, welches die Zivilisation, die Massen schützt, oder eben nicht, nicht mehr, versinnbildlichen die Werke der Galerie 2. Allerdings zählt hier nicht alleine das jeweilige Bild. Hajnalka Peterfy greift viel mehr ein Thema auf und variiert es. Staunend vollziehen wir den Blickwechsel auf die inidividueller, detaillierter dargestellten Gegenstände. In keinem Bild fehlen die Hinweise auf die filigrane, die beharrende wie vergängliche Umwelt. Auch hier also wieder Dreiklänge die an einer allzu einfachen Weltwahrnehmung rütteln und durchaus zu Verstörungen beim Wachwerden führen können.

Wem das zu viele und zu deutliche Kontraste sind, der sei vertröstet. Hajnalka Peterfy kann zwar nicht langweilig, sie kann aber subtil. Wer mag, beruhigt sich bei der Schönheit der Tomaten-Bilder aus Galerie 6. Doch wer in sich ein Verlangen zur und eine Lust an der Erkenntnis verspürt, braucht nur etwas genauer hinzuschauen. Denn dann sieht sie oder er in „Grüne Tomaten“ nicht nur eine, die noch jung und unfertig ist, sondern auch eine, die fehlt. Wow, das tut der Schönheit und dem Potenzial der Anderen keinen Abbruch!

Alle, die mehr von Hajnalka Peterfy und ihren Werken erfahren wollen, können ihre Internetseite www.peterfy.de oder eine ihrer Ausstellungen besuchen oder sich hier noch etwas umschauen.

Norbert Stenkamp

*Alle dargestellten Bilder sind Ausschnitte aus Werken von Hajnalka Peterfy und unterliegen dem © Copyright